Rufus Wainwright
»All Days are Nights: Songs for Lulu«

20.05.2010 von Alexander Möllmann
Wenn Wainwright am Klavier sitzt, kann man es nur selten Spielen nennen. Er trillert, lamentiert, rumpelt und stolpert. Haut Töne daneben und jagt in wildesten Modulationen über die Tasten. Rhythmuswechsel geschehen beiläufig. Das insgesamt sechste Studioalbum Wainwrights ist anders als die bisherigen und doch passt es sich perfekt in die Reihe ein – trotz wichtiger Unterschiede: Es fehlt die Band, es fehlen die Percussions, es fehlt das Orchester. Weder krächzende Gitarren, noch zischende Percussion oder gar raunende Streicher sind zu hören. Was jedoch keinesfalls fehlt, ist der schiere Bombast und die Verschwendungssucht, die allen Wainwright-Alben auf die eine oder andere Weise anhaften. In der Theorie klingt das nach einem introvertierten Album aus der Klasse "Nebraska". In Wahrheit ist es der letzte Schritt zur absoluten Selbstinszenierung.
Wainwright schrieb "All Days are Nights: Songs for Lulu" während seine Mutter im Sterben lag. "Diese Songs sind meine Trauerarbeit, mit ihnen habe ich mich auf ihren Tod vorbereitet", erklärt Wainwright in einem Interview. So wird die Trauer auf fast schon makabre Weise zur Bühne für ein Drama um Verzweiflung, Liebe und Größenwahn vor der Kulisse der schwindenden Jugend. Das Album habe ihm sehr geholfen mit seiner exzessiven Vergangenheit abzuschließen, die von Sex und Drogen bestimmt war. Es markiert einen Neustart, und somit einen Null-Punkt, in Wainwrights Schaffen. "Man könnte sagen, ich bin erwachsen geworden, aber die Sehnsucht zur Selbstzerstörung werde ich immer haben", erzählt der 36-jährige Sänger dem Musikmagazin Rolling Stone. So habe er auch schon sein nächstes großes Pop-Album im Kopf: "Ein großes, lächerliches Lady-Gaga-Adam-Lambert-silly-Scissor-Sisters-Album werde ich auf jeden Fall noch machen, solange ich noch recht schlank um die Hüften bin."
Die Songs stellen sich, so sperrig und emotionsüberladen sie auch sind, als filigrane Popmusik-Gebilde heraus, wenn Wainwright das Album schmerzlich schmachtend mit den Worten "Saw you on the corner/Saw you in the park/ Saw you on the Platform of Grand Central Station" eröffnet. Ein nicht verhallen wollender, sehnsüchtiger Schrei, der sich durch das gesamte Album zieht. Er lässt uns teilhaben an einem Telefonat mit seiner Schwester Martha Wainwright, und endet schließlich auf dem Weg vom Krankenhaus nach Hause im tragischen Finale mit dem Namen "Zebulon", in dem sich der Song in seiner endlosen Schwere dem Künstler selbst zu verschießen scheint. Denn letztendlich ist es die minimalistische Instrumentierung, die den Songs Tiefe und Ausstrahlung verleiht. "Ich reduzierte die Songs auf das Skelett meines kreativen Prozesses. Nur so konnte ich ihnen gerecht werden", erklärt Wainwright seinen musikalischen Alleingang.
Neben drei vertonten Shakespeare Sonetten hat es auch ein Stück aus Wainwrights erster Oper, "Prima Donna" mit auf das Album geschafft. Das auf Französisch gesungene Libretto, "Les Feux D'Artifice T'Appellent", handelt von einem Tag im Leben einer alternden Opern-Diva. Der aufmerksame Zuhörer mag in diesem Stück einen Funken Autobiographisches erkennen, wenn er sich daran erinnert, dass Wainwright nach seinem Drogenentzug Judy Garlands legendäres Comeback-Konzert in der Carnegie Hall aufführte und dort selbst die gefallene Diva war. Dieses Wechselspiel zwischen Höhenflügen und freiem Fall ist auf "All Days are Nights: Songs for Lulu" auf seine Essenz komprimiert und so klebt der gebannte Zuhörer an den Lippen des großen Inszenierungskünstlers, bis zum Schluss der Klavierdeckel fällt.




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