Die Welt ist Asche
Cormac McCarthy - Die Straße
03.05.2011 von Alexander Möllmann
Mit seinem postapokalyptischen Roman "Die Straße" skizziert der amerikanische Schriftsteller Cormac McCarthy die Geschichte zwei namenloser Wanderer. Beide haben nur einen Wunsch: überleben. Durch eine globale Katastrophe, die der Autor der Phantasie des Lesers überlässt, wurde die Welt verwüstet. Die wenigen Menschen, die überlebt haben, sind in zwei Lager gespalten. McCarthy nennt sie schlicht die Guten und die Bösen. Die Guten sichern sich ihr Überleben durch die Suche nach alten Konserven und ähnlichen Lebensmitteln. Die Bösen sind dem Kannibalismus verfallen und plündern auf einem blutigen Beutezug das Land. Der Vater und sein Sohn versuchen währenddessen, die Küste zu erreichen. Beide haben die Hoffnung so den kalten Nächten im Norden zu entkommen.
McCarthy bricht in seinem Roman mit einer gewöhnlichen Struktur. Das
Buch ist nicht in Kapitel unterteilt, sondern durch zwei Leerzeilen
nach jeder Szene. Die Geschichte spinnt sich selbst fort, wie die
Straße, auf der Vater und Sohn wandern - die Verschnaufpausen sind für
die beiden Figuren und den Leser nur kurz. Er jagt seine beiden
Protagonisten durch gestorbene Wälder. Er lässt sie in Ruinen alter
Häuser und Bunker Zuflucht suchen, nur um sie anschließend wieder auf
die Straße zu schicken, wo sie vor den Übergriffen der Kannibalen nicht
sicher sind. Gnadenlos treibt McCarthy die Geschichte voran und hält nur
kurz inne, um sich nochmal zu vergewissern, dass der jüngste Tag
bereits vorüber ist. Die Bilder, die der 77-jährige Autor dabei
erschafft, sind von erschreckender Nüchternheit: "Sie traten auf die
kleine Lichtung, der Junge an seine Hand geklammert. Bis auf das
schwarze Ding, das über der Glut auf einem Spieß steckte, hatten die
Leute alles mitgenommen. Er stand da und schaute prüfend in die Runde,
als der Junge sich zu ihm umdrehte und das Gesicht an seinem Körper
vergrub. Mit raschem Blick versuchte er festzustellen, was passiert war.
Was ist denn?, fragte er. Was ist denn? Der Junge schüttelte den Kopf. O
Papa, sagte er. Der Mann sah genauer hin. Was der Junge gesehen hatte,
war der verkohlte Leib eines Kleinkindes, ohne Kopf, ausgeweidet und auf
dem Spieß langsam schwärzer werdend. Er bückte sich, nahm den Jungen
auf den Arm und lief, während er ihn fest an sich drückte, in Richtung
Straße los. Es tut mir leid, flüsterte er. Es tut mir leid."
Zwischen all der Verzweiflung blitzen jedoch hin und wieder
Augenblicke auf, in denen McCarthy der Dunkelheit ästhetische Momente
abgewinnen kann. Mit Passagen wie "Am anderen Morgen fiel ein kalter
Regen. Er wehte trotz der Überführung über das Auto und tanzte auf der
Straße dahinter" erschafft er eine morbide Schönheit. Das Ausmaß der
Verwüstung schlägt sich ebenfalls in den Dialogen nieder, die auf das
Minimum der Kommunikation zusammengeschrumpft und nicht einmal durch
Anführungszeichen gekennzeichnet sind: "-Werden wir sterben? -Irgendwann
schon. Aber jetzt noch nicht. -Gehen wir immer noch nach Süden? -Ja.
-Damit wir es warm haben. -Ja. -Okay. -Okay was? -Nichts. Einfach nur
okay." Trotz der Sprachverknappung bildet sich eine äußerst feinfühlige
Vater-Sohn-Beziehung heraus, die sich im Verlauf des Buches
intensiviert. Der Sohn entwickelt sich während der Reise zum Beschützer
des Vaters und deren beider Mission, "das Feuer zu bewahren", was in der
kalten Welt nichts anderes als die Verkörperung der Menschlichkeit ist.
Hoffnung wird in diesem Roman nur sporadisch gesät. Für den Vater
manifestiert sie sich in Träumen von seiner verstorbenen Frau und der
alten Welt, doch sie verschwindet letztendlich wie ein Schuss aus einer
Leuchtpistole in der Dunkelheit. Das letzte was ihm bleibt ist sein
Sohn: Der inkarnierte Grund seiner Existenz. Möglicherweise ist er sogar
der Grund für den Fortbestand der gesamten Welt: "Wenn er nicht Gottes
Wort ist, dann hat Gott niemals gesprochen."
Cormac McCarthy hat sich bereits in seinen Romanen "All die schönen
Pferde" und "Kein Land für alte Männer" in eine sterbende Welt gewagt,
wo Tod und Kriminalität die Oberhand hatten und der amerikanische Traum,
wie ein zu Boden fallender Spiegel, in tausend Stücke zerbrach. Nie war
die tatsächliche Apokalypse jedoch so greifbar wie in "Die Straße". Die
Welt ist bereits gestorben und mit ihr fast alles Leben und im Zentrum
dieser Dystopie entwickelt sich die Tragödie eines Vaters und eines
Sohnes. McCarthy schafft es durch seinen radikalen Schreibstil eine
erzählerische Dichte zu erzeugen, die der Spannung und Tragik
Authentizität verleiht; ohne jedes Pathos - und das bis zum letzten
Satz.




Kommentare
Es wurden noch keine Kommentare geschrieben.
Einen Kommentar schreiben