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Die Welt ist Asche

Cormac McCarthy - Die Straße

03.05.2011 von Alexander Möllmann

Die Welt ist eine andere geworden. Die Sonne ist durch Wolken verdunkelt und die Luft ist stickig durch herumwirbelnde Asche. Die Nächte in dieser Welt sind länger als die Tage, sofern sie überhaupt enden. In dieser Einöde machen sich ein Mann und sein Sohn auf den Weg durch ein Amerika, wie es lebensfeindlicher nicht sein kann. Ihr Ziel: die Küste.

Copyright: Rowohlt Verlag, 2001 / any.way, Catrin Günther / Foto: John Brown, Getty Images

Mit seinem postapokalyptischen Roman "Die Straße" skizziert der amerikanische Schriftsteller Cormac McCarthy die Geschichte zwei namenloser Wanderer. Beide haben nur einen Wunsch: überleben. Durch eine globale Katastrophe, die der Autor der Phantasie des Lesers überlässt, wurde die Welt verwüstet. Die wenigen Menschen, die überlebt haben, sind in zwei Lager gespalten. McCarthy nennt sie schlicht die Guten und die Bösen. Die Guten sichern sich ihr Überleben durch die Suche nach alten Konserven und ähnlichen Lebensmitteln. Die Bösen sind dem Kannibalismus verfallen und plündern auf einem blutigen Beutezug das Land. Der Vater und sein Sohn versuchen währenddessen, die Küste zu erreichen. Beide haben die Hoffnung so den kalten Nächten im Norden zu entkommen.


McCarthy bricht in seinem Roman mit einer gewöhnlichen Struktur. Das Buch ist nicht in Kapitel unterteilt, sondern durch zwei Leerzeilen nach jeder Szene. Die Geschichte spinnt sich selbst fort, wie die Straße, auf der Vater und Sohn wandern - die Verschnaufpausen sind für die beiden Figuren und den Leser nur kurz. Er jagt seine beiden Protagonisten durch gestorbene Wälder. Er lässt sie in Ruinen alter Häuser und Bunker Zuflucht suchen, nur um sie anschließend wieder auf die Straße zu schicken, wo sie vor den Übergriffen der Kannibalen nicht sicher sind. Gnadenlos treibt McCarthy die Geschichte voran und hält nur kurz inne, um sich nochmal zu vergewissern, dass der jüngste Tag bereits vorüber ist. Die Bilder, die der 77-jährige Autor dabei erschafft, sind von erschreckender Nüchternheit: "Sie traten auf die kleine Lichtung, der Junge an seine Hand geklammert. Bis auf das schwarze Ding, das über der Glut auf einem Spieß steckte, hatten die Leute alles mitgenommen. Er stand da und schaute prüfend in die Runde, als der Junge sich zu ihm umdrehte und das Gesicht an seinem Körper vergrub. Mit raschem Blick versuchte er festzustellen, was passiert war. Was ist denn?, fragte er. Was ist denn? Der Junge schüttelte den Kopf. O Papa, sagte er. Der Mann sah genauer hin. Was der Junge gesehen hatte, war der verkohlte Leib eines Kleinkindes, ohne Kopf, ausgeweidet und auf dem Spieß langsam schwärzer werdend. Er bückte sich, nahm den Jungen auf den Arm und lief, während er ihn fest an sich drückte, in Richtung Straße los. Es tut mir leid, flüsterte er. Es tut mir leid."


Zwischen all der Verzweiflung blitzen jedoch hin und wieder Augenblicke auf, in denen McCarthy der Dunkelheit ästhetische Momente abgewinnen kann. Mit Passagen wie "Am anderen Morgen fiel ein kalter Regen. Er wehte trotz der Überführung über das Auto und tanzte auf der Straße dahinter" erschafft er eine morbide Schönheit. Das Ausmaß der Verwüstung schlägt sich ebenfalls in den Dialogen nieder, die auf das Minimum der Kommunikation zusammengeschrumpft und nicht einmal durch Anführungszeichen gekennzeichnet sind: "-Werden wir sterben? -Irgendwann schon. Aber jetzt noch nicht. -Gehen wir immer noch nach Süden? -Ja. -Damit wir es warm haben. -Ja. -Okay. -Okay was? -Nichts. Einfach nur okay." Trotz der Sprachverknappung bildet sich eine äußerst feinfühlige Vater-Sohn-Beziehung heraus, die sich im Verlauf des Buches intensiviert. Der Sohn entwickelt sich während der Reise zum Beschützer des Vaters und deren beider Mission, "das Feuer zu bewahren", was in der kalten Welt nichts anderes als die Verkörperung der Menschlichkeit ist.


Hoffnung wird in diesem Roman nur sporadisch gesät. Für den Vater manifestiert sie sich in Träumen von seiner verstorbenen Frau und der alten Welt, doch sie verschwindet letztendlich wie ein Schuss aus einer Leuchtpistole in der Dunkelheit. Das letzte was ihm bleibt ist sein Sohn: Der inkarnierte Grund seiner Existenz. Möglicherweise ist er sogar der Grund für den Fortbestand der gesamten Welt: "Wenn er nicht Gottes Wort ist, dann hat Gott niemals gesprochen."


Cormac McCarthy hat sich bereits in seinen Romanen "All die schönen Pferde" und "Kein Land für alte Männer" in eine sterbende Welt gewagt, wo Tod und Kriminalität die Oberhand hatten und der amerikanische Traum, wie ein zu Boden fallender Spiegel, in tausend Stücke zerbrach. Nie war die tatsächliche Apokalypse jedoch so greifbar wie in "Die Straße". Die Welt ist bereits gestorben und mit ihr fast alles Leben und im Zentrum dieser Dystopie entwickelt sich die Tragödie eines Vaters und eines Sohnes. McCarthy schafft es durch seinen radikalen Schreibstil eine erzählerische Dichte zu erzeugen, die der Spannung und Tragik Authentizität verleiht; ohne jedes Pathos - und das bis zum letzten Satz.

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